Sage es mir, und ich vergesse es; zeige es mir, und ich erinnere mich; lass es mich tun, und ich behalte es. Konfuzius

Am Samstag, 7.2.2009 um halb neun treffen sich 6 Frauen und 2 Männer mit Dieter Hubov - die erste Frage “wo ist das WC” gerät zu einer Führung durch Kirche und Sakristei. Obwohl Dieter eigentlich bis 11.30 durcharbeiten wollte, muss er sich dem Druck der kälteempfindlichen, kaffeesüchtigen Frauen beugen und eine Pause im Stadt-Café einbauen (wir haben für die nächsten Samstage gleich vorreserviert).

Hauptsächlich wird aber intensiv gearbeitet. Grundlagen sollen geschaffen werden, Dieter will hören und sehen, wie die Teilnehmer die Orgel traktieren. Damit es nicht eintönig wird, ändert Dieter laufend die Registrierungen und ermuntert uns, das Instrument mit all seinen Möglichkeiten zu nutzen - das konnte ich am Abend gleich im Gottesdienst ausprobieren: in einem Liedvorspiel benutzte ich spontan das Fagott 8’ im Pedal für die Melodie.

Der Aufbau ist einfach, niemand ist überfordert, die Schritte sind so, dass ich gleichzeitig gespannt und herausgefordert bin und richtig Lust habe, vorzuspielen. Aufgaben gibt’s natürlich auch: ein ökumenisches Lied in einer Kirchentonart auswählen und dessen Melodie in reinen Quarten oder Quinten begleiten, ein zweistimmiges Vorspiel bzw. eine figurierte Fassung eines beliebigen Liedes in mehreren Varianten und Lagenwechsel in Dur und Moll.

Am nächsten Samstag 14.2.2009 komme ich gespannt nach Arbon: Hab’ ich meine Aufgaben wohl richtig gemacht? Ich fühle mich wie ein Erstklässler - schliesslich lerne ich quasi das ABC der Improvisation und stelle fest, dass ich grossen Komponisten wie z.B. Bach oder Pachelbel bei der Arbeit ein kleines bisschen über die Schulter gucken kann.

Dieter lässt alle Teilnehmer die Lagenwechsel vorspielen - nicht Kadenzen, nur Lagenwechsel, schön eins nach dem andern. Linke Hand hält den Bass, rechte Hand greift den Akkord; Pedal hält den Bass, linke Hand greift den Akkord; Pedal hält den Bass, beide Hände greifen abwechselnd in Oktaven die Akkorde; Pedal hält den Bass, beide Hände greifen gleichzeitig in Oktaven die Akkorde.... Das tut gut, gibt Luft, schafft Spielraum, Freiraum - so wird es ein wirkliches “Spielen”.

Die Aufgabe ist diesmal, einen bestehenden Satz zu verwenden und in ein Zwischenspiel zu verwandeln. Die stehenden Akkorde werden aufgelöst. Zwischen der Melodie im Sopran und dem Fundament im Bass können Alt und Tenorstimme benützt werden um ein Spiel mit verschiedenen Rhythmen und Tempi zu veranstalten. Triolen-Sinus-Kurven, Triolen-Wellen, Triolen-Fälle... Dasselbe mit Achteln von oben nach unten und umgekehrt, mit verlängertem Sopranton, mit liegendem Basston. Am Schluss fordert uns Dieter auf, bis nächsten Samstag ein Lied suchen, das einen möglichst gleichmässigen Rhythmus hat (z.B. vom Himmel hoch...), und das Gelernte auf dieses Lied zu übertragen. Zum Vorspielen der Hausaufgaben reicht es diesmal nicht, aber das macht nichts, so haben wir jeweils zwei Wochen Zeit zum Üben.

Am 21.2.2009 werden die Aufgaben vom ersten Mal vorgespielt. Die Umsetzung auf andere Liedsätze bringt neue Einsichten, Rezepte werden variiert und angepasst, Dieter bastelt mit den einfachsten Mitteln immer wieder Neues.

Bevor die Fastenzeit beginnt sollen wir noch die Form des Pastorale kennen lernen - leicht und süss, extra für die Weihnachtszeit. Die Zutaten sind ein liegender Bass, Terzen, Sexten und Hornquinten. Also bitte - bis nächstes Mal nachmachen. Dann wird gleich noch eine dreistimmige Variation des Vorspiels vorgestellt. So kommt unter der Woche keine Langeweile auf.

29.2.2009 - Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen kommen gut vorbereitet zum Kurs. Dieter lässt sich aber nicht einfach vorführen, was geübt wurde, sondern greift bald einmal ein und zeigt, wie rein mechanische geübte Fertigkeiten zu leben beginnen. Mit einer Prise Fantasie wird aus einer langweiligen Etüde ein ansprechendes Zwischenspiel für den Gottesdienst. Das Wiederholen der verschiedenen Formen gibt uns die Chance, Details besser zu verstehen; erst bei der Repetition erkennt man gewisse Einzelheiten, die beim ersten Mal untergehen. Dabei bewährt sich auch der Unterricht in der Gruppe.

7.3.2009 - So langsam geht’s in steinigere Gebiete. Trios verlangen ein hohes Mass an Koordination. Sich mehrere figurierte Stimmen zu merken, ist auch nicht ohne. Der Aufbau vom einfachen, zweistimmigen Vorspiel über mehrstimmige Fassungen zum figurierten, zwei- und dreistimmigen Zwischenspiel fordert Lehrer und Schüler. Das Arbeiten mit einzelnen Personen dauert länger, die Zeit rennt davon. Wir haben die Halbzeit erreicht. Die Frage nach dem richtigen Üben taucht auf; reicht es, wenn man an verschiedenen Liedern die Techniken übt, oder soll man bei einem Lied bleiben und die Formen festigen oder sogar aufschreiben? Dieter hat kein Rezept, beide Methoden sind wichtig und wahrscheinlich führt nur die Kombination zu mehr Sicherheit und grösserer Spontaneität.

14.3.2009 - muss ich leider fehlen! Beim Besuch eines Gottesdienstes stelle ich aber fest, dass mein Hören neu strukturiert wurde. Ich bin ganz beglückt!
21.3.2009 - Die Entwicklungen der Teilnehmer laufen nicht alle gleich. Während die einen bereits Höhenflüge wagen, trainieren andere noch Basiskönnen - es hat beides Platz! Es gibt eben verschiedene Wege und verschiedene Tempi. Dies unter einen Hut zu bringen ist anspruchsvoll, aber die Zuhörer profitieren vom Wechsel und von der Repetition.

Nach den an den vierstimmigen Satz gebundenen Formen sollen wir nun Ostinati üben, um auch einstimmige Gesänge begleiten zu lernen. Wichtig ist, dass der Fingersatz immer derselbe bleibt, so kann sich die Figur automatisieren und lässt sich in andere Tonarten übertragen. “Wenn ihr in grossen Terzen aufwärts rutscht, seid ihr bald wieder in der Ausgangstonart“, lautet ein Tipp des Meisters. Das tönt so einfach, will aber intensiv geübt sein, wenn man bisher gewohnt war, immer nur Noten zu lesen. Manchmal machen sich die Hände selbständig und der Kopf kommt nicht nach. Dann heisst es “cool” zu bleiben, sich nichts anmerken lassen.

Zuhause tüftle ich saisongerecht an “Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt”. Der Begleitsatz im Orgelbuch ist harzig, er ist nicht als Gemeindebegleitung sondern für die Begleitung eines geübten Vorsängers konzipiert. Ich hole das KG - die Melodie ist mit Akkordbezeichnungen versehen. Da steht doch Em, also beginne ich das Ostinato mit dem e-moll-Akkord, aber das tönt scheusslich! Nach ein paar Versuchen entdecke ich, dass es besser tönt, wenn ich mit A-Dur beginne, dann geht’s sogar auf! Aber was mache ich im Mittelteil? - mit C-Dur tönt dieser Abschnitt auch ganz passabel. Jetzt fehlen noch die Übergänge. Als auch das geschafft ist - bin ich es auch!

28.3.2009 - Meine Hausaufgaben werden estimiert und es kommen neue Varianten dazu: e-moll tönt falsch, weil die Tonart eben E-Dorisch ist; mit einem Ostinato mit den Septimenakkorden auf E, D, Cis und H lässt sich aber das ganze Lied begleiten.

Dieter konfrontiert uns mit einer Intrada festiva in einer “neuen” Notation. Es sieht aus, wie für die Pauke geschrieben: ein Rhythmus im Viervierteltakt und darüber C5 - C8 - G5 - G8 - G5 - C3 - F8 - G5.... Wenn Dieter vorspielt, tönt es gewaltig! Dann kommen wir an die Reihe; wir tasten uns langsam an die neue Freiheit heran. Kaum ist die Form einigermassen begriffen, sprudelt es Variationsmöglichkeiten: mit Echo, in Moll, transponiert, mit unterschiedlich kunstvollen Schlusskadenzen, mit rhythmischen Varianten .... Und weiter geht’s mit Mixturenklängen, Skalen, Toccaten, Variationen, Ostinati, Intonationen, Praeludien, Postludien, Interludien ...
Als Besucher im Gottesdienst höre ich nun die improvisierten Teile mit anderen Ohren. Ich erkenne Bausteine; höre eine Intonation - ah, in dieser Art, sich abwärts bewegende Mixturenklänge registriert mit zarten Streichern und dann die Melodie solistisch dazu spielen - so hat es Dieter auch empfohlen.

An Palmsonntag soll nach der Palmweihe zum festlichen Einzug ein Lied gesungen werden; die Leute brauchen dazu aber das KG, sie kenn zwar die Melodie (Lobe den Herren) können den Psalmsonntagstext dazu aber nicht auswendig. Eigentlich wollte ich ja eine Bearbeitung von “Tochter Zion” zum Einzug spielen, aber wenn der Herr Pfarrer es anders möchte - bitte, dann eben was aus Dieter’s Schatzkiste. Ich werde schauen, wie viele Leute von Anfang an im Kirchenraum bleiben und eine “Intrada festiva” auf die Harmonien von “Lobe den Herren” spielen und dann gleich ins Lied überleiten. Das ist die Gelegenheit, das Gelernte umzusetzen!

Als Besuch in einem Pfarrhaus frage ich nach dem Orgelschlüssel - aber hast du denn Noten dabei? werde ich gefragt. Meine Antwort: zum Üben brauche ich nur das Gesangbuch und das ist ja vorhanden. Am Schluss spiele ich ihnen eine neu erarbeitete Fassung eines Osterlieds vor; sie staunen und ich fühle mich richtig gut!
18.4.2009 - Ostern ist vorüber, morgen ist der Sonntag “Quasimodigeniti” - der weisse Sonntag. In der Arboner Kirche St. Martin ist der Altarraum festlich geschmückt, Ministranten proben für ihren Einsatz, auf der Empore ertönen dazu von unserem Kurs einige festliche Intraden. Nur 8 Takte sind notiert, Dieter schaut sich die Sache an, erklärt welche Fallen man vermeiden sollte, zeigt wie man aus der Tiefe mit Lagenwechseln in die Höhe kommt.... Aus den ursprünglichen 8 Takten wird eine richtige Komposition mit Halbschluss und Schlusskadenz!

Die nächste Vorlage ist wunderschön notiert, eine ganze A4-Seite, eine Riesenarbeit. Dieter würdigt die Arbeit, meint aber dazu: diese Art der Notation - ein Rhythmus und Akkorde mit den Lagenbezeichnungen -, das sind nur Notizen! Macht die Sache nicht zu kompliziert, nicht zu lang. Die Varianten entstehen, wenn man öfters damit arbeitet wie von selbst.

Auch mit bestehenden Sätzen aus dem Gesangbuch kann man eine Intrade gestalten, allerdings sollte man sich nicht unvorbereitet in den Nebel begeben und schauen, was dabei herauskommt.

Mixturenklänge und Toccatenmuster beschäftigen uns in dieser zweitletzten Lektion. Für das letzte Mal sollen wir verschiedene kleine Formen vorbereiten.
25.4.2009 - Es gibt keine wirkliche Prüfung als Abschluss des Kurses, aber Daniel Walder, der Präsident des THOV, wird dafür sorgen, dass wir eine Kursbestätigung erhalten. Er ist an diesem letzten Morgen dabei und hört sich an, was wir erarbeitet haben.

Da zwei Teilnehmer leider nicht kommen konnten, kann sich Dieter für die verbleibenden 6 mehr Zeit nehmen. Es wird nochmals intensiv gearbeitet und Daniel hört einen Querschnitt durch die 10 Kurseinheiten.

Die Beschränkung auf die Arbeit mit Liedern, grösstenteils sogar mit den vorhandenen Sätzen aus KG und RG ist klug. Das Wiederholen in immer neuen Zusammenhängen, die Wertschätzung und Variation von Details, das Schaffen und Tun der Lernenden in den Unterricht zu integrieren, Fehler als Chancen zu werten und zu nutzen, dies alles sind methodisch-didaktische Prinzipien, die Schülern ein lustvolles Lernen ermöglichen und ihnen Sicherheit und Kompetenz verschaffen.

Zum Schluss gibt es nochmals eine “Cappucino”-Runde im Stadtcafé, ein Gruppenfoto und für den Kursleiter ein grosses DANKESCHÖN, Blumen und Wein. Der Wunsch, sich jährlich zu einem WK zu treffen, ist bei allen vorhanden (nicht nur wegen des feinen “Cappucino” im Stadt-Café!)

Béa Mory, Frauenfeld