Bruno Sauder hat zwei bzw. drei ganz spezielle Orgeln ausgesucht - zwei davon haben ein "Fernwerk" und die dritte ist ein italienisches Instrument, das Jahrzehnte eingelagert war und in Gossau in den 90iger Jahren eine neue Heimat fand.

Aus allen Regionen des Thurgaus treffen am Samstag Morgen mit öffentlichen und privaten Verkehrsmitteln nach und nach die angemeldeten Teilnehmer und Teilnehmerinnen in Gossau ein. Lea Rezzonico empfängt uns in der St. Andreas-Kirche und stellt uns zunächst die denkmalgeschützte lombardische Chororgel vor. Metallpfeifen, Springlade und Traktur sind original erhalten, die Holzpfeifen wurden nach erhaltenen Mensurangaben durch Hans Füglister, Grimisuat rekonstruiert. Die Einweihung des revidierten Instruments in Gossau erfolgte am 15.2.1993. Lea spielt zunächst Stücke von Frescobaldi und Antico um die einzelnen Register vorzustellen. Die Namen der Register sind zwar bekannt, der Klang weicht aber oft von dem, was wir uns darunter vorstellen ab; die "Trombe soprani" klingt sehr zart, das "Clarino" dagegen ist eine richtige lautes, quäkiges Zungenregister. Dann hören wir italienische Musik aus dem Ende des 18. Jahrhunderts; u.a. ein fröhliches Stück mit kräftigen (aber "launischen" - Zitat Lea) Zungen von Giuseppe Gherardeschi (1759–1815).

Die Hauptorgel der St. Andreas-Kirche wurde 1976/77 von Orgelbau Graf in Sursee gebaut; Experte war der damalige Domorganist Siegfried Hildenbrand. Die Register stellt uns Lea mit den Variationen über "Was Gott tut, das ist wohlgetan" von Pachelbel vor. Mein Nachbar flüstert mir zu, S. Hildebrand habe bei seinen Orgelvorstellungen auch jeweils mit diesen Variationen begonnen. Um die verschiedenen Flöten zu demonstrieren, hören wir Stücke von Martin Vogt 1781 – 1854, und zum Schluss zeigen die Orgel und die Organistin ihre ganze Kraft und Wandelbarkeit in einer Komposition von Emma Lou Diemer (geb. 1927). Dann folgt noch eine Vorführung des Fernwerks; die Öffnung des Klangkanals befindet sich direkt über dem Hochaltar. Die Gelegenheit um die Instrumente und die Noten zu den gehörten Stücken anzuschauen und Lea Fragen zu stellen, wird rege benutzt. Danach ist das gemeinsame Mittagessen in der modernen Zunftstube angesagt - toller Service, feines Essen!

Frisch gestärkt machen wir uns auf den Weg nach St. Gallen und treffen in Santa Maria Neudorf, allerdings nicht wie vorgesehen den Hauptorganisten Zdenko Kuscer, sondern seinen Stellvertreter Karl Raas, der kurzfristig eingesprungen ist. Zufällig ist auch Dr. Franz Lüthi anwesend, der einen ausführlichen Bericht über die Orgel verfasst hat (Bulletin OFSG Nr. 2/2002 - www.ofsg.org). Es ist ein riesiges Instrument mit unglaublich vielen Spezialfunktionen: 6 Normalkoppeln, Super III, Super III-I, Super III-P, Super II-P an der Hauptorgel und 3 Koppeln an der Fernorgel; 3 freie Kombinationen, 5 feste Kombinationen, 10 Einzelabsteller für Zungenregister und weitere 10 Einzelabsteller mit Spezialfunktionen, eine Rollwalze (Registercrescendo), je ein Schwelltritt für die 4 Schwellwerke der Hauptorgel und des Fernwerks...! Der Bau der Orgel und ein grosser Teil der Finanzierung kam 1928 auf Initiative des damaligen Kirchenchors zustande. Den Auftrag erhielt damals die Firma Orgelbau Willisau. Letztes Jahr konnte eine umfassende Revision durch Orgelbau Kuhn abgeschlossen werden. Nach der Vorstellung der einzelnen Registergruppen und Spezialfunktionen können die Schwindelfreien das Fernwerk auf dem Dachboden besichtigen. Der Brettersteg über der Deckenwölbung gibt unter jedem Schritt elastisch nach, aber er hält uns zum Glück alle aus. Zwei gut bestückte Schwellkästen stehen dort oben - einzelne Register haben aus Platzgründen gekröpfte Pfeifen. Die Schweller können separat betätigt werden. Die Mechanik wird ausführlich bestaunt. Die Öffnung befindet sich in der Kuppel über der Vierung und ist ebenfalls mit zwei Schwell-Jalousien verschliessbar. Wer dieses Instrument spielen und dessen Möglichkeiten nutzen will, braucht nach einer intensiven Vorbereitung auch Leute, die beim Registrieren helfen. Aber der Aufwand lohnt sich; das Instrument füllt den Kirchenraum mit vielfältigen Klängen, die den Besucher gerne verweilen lassen. Allerdings bleibt uns zum Verweilen nicht allzuviel Zeit, denn einige Kolleginnen und Kollegen haben am Abend bereits einen Einsatz und brausen mit dem Auto davon. Die ÖV-Nutzer fahren über Wil oder über Bischofszell zurück in den Thurgau, plaudern noch ein bisschen und bewundern die blühenden Obstbäume.

Béa Mory